Vergangene
Woche hatte ich das unglaubliche Glück, als Reiseleiter an der Exkursion des
Kurses über saamische Kultur, der jeden Herbst für Austauschstudenten an
unserer Uni organisiert wird, teilzunehmen. Das bedeutete also, ich durfte all
die interessanten Orte, die für mich als Saamischstudent und an Sprache und
Kultur Interessierter ohnehin irgendwann Pflichtprogramm gewesen wären,
besuchen, und verdiente dabei auch noch etwas. Als ich mich für diese Stelle bewarb,
hätte ich es nicht zu hoffen gewagt, auch tatsächlich genommen zu werden, meine
Sprachkenntnisse und meine Erfahrungen mit Austauschschülern als Freiwilliger
bei AFS haben aber überzeugt. Das Ziel war also Lappland, oder besser gesagt
das Gebiet im Norden Finnlands, Schwedens und Norwegens, in dem auch heute noch
Saamen leben, saamische Sprachen gesprochen werden und einen offizielle Status
haben und die Saamen besondere Minderheitsrechte besitzen. Das saamische Wort
dafür ist Sápmi, im Gegensatz zu „Lappi“, welches das finnische Bundesland
bezeichnet (Rovaniemi, die Stadt, die auch als Stadt des Weihnachtsmannes
bekannt ist, liegt zum Beispiel in „Lappi“, nicht aber in „Sápmi“). Daher werde
ich der Genauigkeit wegen „Sápmi“ verwenden.
Am
Montag ging es also um 9 Uhr vom Parkplatz der Uni los. So ganz stimmte das
nicht, weil gleich mal eine Studentin fehlte. Nachdem wir eine Viertelstunde
gewartet hatten und vergeblich versucht hatten, sie zu erreichen, beschlossen
wir, bei ihr zuhause vorbeizuschauen, da ein anderer Student, der im gleichen
Haus wohnte, noch seinen Pass holen musste. Ja das ist ein Service an der Uni!
Dann endlich alle beisammen, machten wir uns auf den Weg nach Kautokeino (saam.
Guovdageaidnu), Norwegen.
Kautokeino
ist wahrscheinlich die größte Ortschaft in Sápmi, in der Saamisch immer noch
die erste Alltagssprache ist. Am Abend bezogen wir nur mehr unsere Zimmer (wir
waren dort aufgeteilt auf kleine Häuschen für jeweils zwei bis drei Personen,
die beiden größten hatten Küche und Sauna, war also kein Luxus), ein Saunagang
ging sich aber vor dem Schlafengehen noch aus. Am nächsten Tag hatten wir schon
volles Programm: Am Vormittag besuchten wir Juhls’ Silvergallery, eine wirklich
einzigartige Silberschmiede und doch viel mehr als nur das. Das Ehepaar Juhls
war in den 50er oder 60er Jahren aus dem Süden nach Kautokeino gezogen um dort
die Silberschmiede zu eröffnen, heute wird dort aber noch viel viel mehr als
nur Schmuck verkauft. Das Ganze ist gestaltet wie eine Austellung, mit verschiedenen
Räumen zu verschiedenen Themen, man kann aber alles, was ausgestellt ist,
kaufen. Zudem kann man Sonderanfertigungen an Silberschmuck bestellen und alte
Schmuckstücke reparieren lassen.
Der
nächste Programmpunkt war die saamische Hochschule. Dort werden Bachelor- und
Masterprogramme in saamischer Linguistik, Saamisch auf Lehramt, Rentierzucht
und traditionelle Handarbeit angeboten. Die Führung war ziemlich enttäuschend,
weil der eigentlich Zuständige krank war, und jemand anderer einspringen
musste, ich war aber begeistert von der offenen Feuerstelle in der Kantine; so
etwas sollten wir in Oulu auch ansuchen! Mit einigen Studenten trafen wir uns
am Abend zum Pizzaessen.
Davor
fuhren wir noch zum saamischen Nationaltheater Beaivváš, dessen Truppe allerdings
gerade auf Tour war. Die Begeisterung unserer charismatischen Führerin, die uns
das Theater und seine Geschichte vorstellte und uns auch das alte Kostümarsenal
zeigte, machte das aber trotzdem zu einem der Höhepunkte für mich. Am Ende der
Tour bekam ich auch die Gelegenheit, ein paar Worte mit ihr auf Saamisch zu
wechseln.
Mittwoch
war Reisetag. Unser nächstes Ziel war Karigasniemi (saam. Gáregasnjárga), auf
dem Weg blieben wir aber noch in Karasjok (saam. Kárášjohka) stehen, um uns das
norwegische Saamiparlament (saam. Sámediggi) und die saamische Radiostation
anzuschauen. Dort werden unter anderem die saamischen Nachrichten, die auch in
Finnland zu sehen sind, gemacht. Darüber hinaus produziert man dort noch viele
weitere Fernseh- und Radioprogramme, Nachrichten auf Südsaamisch, Kinder- und
Jugendprogramme und Dokumentationen, die aber nur in Norwegen und manchmal auch
in Schweden ausgestrahlt werden. Schade, dass sich der finnische Sender YLE da
nicht um mehr Zusammenarbeit kümmert!
Unser
Quartier in Karigasniemi war schon ein wenig besser, manche Austauschstudenten
wohnten wieder in kleinen Häuschen, manche in Appartements, ich hatte ein
Zweibettzimmer mit Fernseher für mich allein. Hat schon Vorteile, Reiseleiter
zu sein! Der Lehrer des Kurses, der der andere Reiseleiter war, schlief zuhause
bei seinen Eltern, da Karigasniemi sein Heimatdorf ist. Küche hatten wir zum
Glück auch wieder zur Verfügung, und diesmal war sogar Frühstück inkludiert.
In
Karigasniemi sahen wir uns am Donnerstag ein Rentier Round-up an, wo in der
Saison die neugeborenen Rentiere (ja, diese Tiere gibt’s wirklich!)
gekennzeichnet werden und welche zum Schlachten ausgewählt werden. Danach
machten wir einen kleinen Spaziergang im fast knietiefen Schnee zu der heiligen
Quelle Suttesája. Diese Quelle friert nie zu und war wahrscheinlich deshalb
eine frühere heilige Stätte der Saamen. Heute noch (beziehungsweise wieder)
lassen Leute ihre Kinder in dieser Quelle taufen.
Am
Abend kamen wir dann am letzten Zielort unserer Reise, Inari (saam. Anár), an.
Dort wohnten wir letztendlich in einem richtigen Hotel, mit allen
Bequemlichkeiten (ausgiebiges Frühstück, schöne Zimmer) und Nachteilen (keine
Kochmöglichkeit sondern teures Restaurant, kostenpflichtige Sauna). Noch am
selben Abend besuchten wir eine Rentierfarm, die typisch für Touristen
hergerichtet war. Zuerst durften wir Rentiere, die als Schlittentiere verwendet
werden, aus der Hand füttern, danach bekamen wir Tee und Kaffee in
traditionellen Tassen aus Holz und uns wurden Joiks gesungen. Joik ist die
traditionelle Art des Prosagesangs der Saamen. Zum Schluss übten wir, ein
Holzrentier mit Lasso zu fangen. Das Genialste hierbei war wahrscheinlich der
Typ, der uns das erklärte: Ein schon etwas älterer Inarisaame, der einfach
immer den Nächsten herwinkte, ihm das Lasso in die Hand drückte und die
Bewegung vorzeigte, mit der man das Lasso werfen musste, während er alles in
irrsinnig schnellem Inarisaamisch erklärte. Ich verstand zwei Wörter, die im
Nordsaamischen (welches ich lerne) ähnlich sind, und das war schon viel. Dazu
sei angemerkt, die 10 verschiedenen saamischen Sprachen (Nord-, Lule-, Inari-,
Skolt-, Süd-, Pite-, Ume-, Ter-, Kildin- und Akkalasaamisch) sind untereinander
nur schwierig bis gar nicht verständlich, verdienen also tatsächlich den Status
als „Sprachen“ und nicht nur „Dialekte“.
Am
Freitag, bevor wir uns auf den Heimweg machten, gingen wir noch ins
Siida-Museum in Inari, ein Museum über die Saamen, über saamische Geschichte
und Kultur, und ins Sajos-Kulturzentrum, wo das finnische Saamiparlament tagt
und auch das saamische Ausbildungszentrum von Inari untergebracht ist. Dort
gibt es auch einen Duodji-Shop (saamische Handarbeit), in dem ich mir, worauf
ich schon die ganze Woche gewartet hatte, den kleinen Prinz (den von Antoine de
Saint-Exupéry) auf Nordsaamisch kaufte: Bás Prinssáš.